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Selbstorganisierte Teams (Teil 2): Gruppenfunktionen mit dem Teamradar reflektieren

03.06.19 08:09

Retrospektiven sind der wesentliche Rahmen, um selbstorganisiertes Arbeiten zu stärken und die Eigenverantwortung von Teams in der Kultur zu verankern. Das Teamradar ist ein Instrument, das genutzt werden kann, um die Frage nach aktuellen Potenzialen und Bedürfnissen zu untersuchen.

Die Retrospektive ist eines der wichtigsten Elemente agiler Herangehensweisen, um die Zusammenarbeit von selbstorganisierten Teams immer wieder zu überprüfen und Eigenverantwortung in den Arbeitsprozessen zu fördern, indem Teams selbständig entscheiden, wie sie Produktinkremente entwickeln. Nach einigen Sprints und mit mehr und mehr Erfahrung in Retrospektiven sind aber häufig die offensichtlichen Verbesserungspotenziale ausgeschöpft und als Scrum Master fragt man sich, wie man das Team in Retrospektiven weiter fordern kann.

Dafür ist das Teamradar ein hilfreiches Instrument: Richtig eingesetzt kann es helfen, blinde Flecken des Teams aufzudecken und Selbstorganisation zu fördern, indem man den Reflexionsraum erweitert.

In Teil Eins dieses Beitrags haben wir uns damit beschäftigt, welche Tätigkeiten ein Team aus gruppendynamischer Sicht braucht, um erfolgreich zu sein. Diese Perspektive ist interessant, um mal einen etwas anderen Blick auf die Zusammenarbeit zu werfen. Dabei kann das Teamradar genutzt werden, um Selbsteinschätzungen aus dem Team zu visualisieren und gemeinsam tiefer in die Reflexion einzusteigen. 

Das Teamradar mit Gruppenfunktionen

Das Teamradar ist eine einfache Visualisierung von Einschätzungen der Teammitglieder. Es besteht aus Achsen, die je nach Anwendungsfall für die Selbsteinschätzung bestimmter Dimensionen genutzt werden können. Für die Gruppenfunktionen braucht es vier Achsen.

Teamradar Vorlage

Die Einschätzung der Teammitglieder betrifft dann die Frage, wie stark die jeweilige Funktion in dem Team ausgeprägt ist.

Für den Ablauf der Retrospektive kann das folgende Schema genutzt werden.

1. Ankommen

Retrospektiven sollten flexibel gestaltet sein und müssen keinem "Schema F" folgen. Es ist je nach Thematisierung und aktueller Lage im Team mehr oder weniger sinnvoll, das Check-In bewusst einzuplanen. Wenn es etwa aktuell schwelende Konflikte gibt oder die Reflexionsbereitschaft nicht hoch ist, sollten diese Themen zuerst adressiert werden, bevor man in Team-Analysen einsteigt - ganz nach dem Prinzip "Störungen haben Vorrang"!

2. Vorstellung der Gruppenfunktionen

Zunächst ist es wichtig, Verständnis für das Modell der Gruppenfunktionen zu schaffen. Die hier beschriebenen Tätigkeiten können als Plakat visualisiert und dem Team vorgestellt werden. Wichtig ist dabei, einheitliche Begrifflichkeit zu etablieren und Fragen zu diskutieren. Beispiele sind nützlich, um gemeinsames Verständnis herzustellen.

3. Individuelle Einschätzung

Nun geht es los: Im ersten Schritt werden die Teammitglieder eingeladen, jeder für sich selbst eine individuelle Einschätzung vorzunehmen. Die Fragestellung ist:

"Wie stark sind derzeit die jeweiligen Tätigkeiten in unserem Team vertreten?"

Die Einschätzung erfolgt auf einer Skala von 1 bis 10, wobei

1 = Die Tätigkeit ist kaum vertreten
10 = Die Tätigkeit ist sehr stark ausgeprägt

Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung dieser Selbsteinschätzung ist, dass das Team zu einem offenen, aber auch zu einem differenziert-kritischen Miteinander fähig ist. Andernfalls geschieht es leicht, dass alle Dimensionen mit 10 eingeschätzt werden, was wenig nützlich ist.

Wichtig ist, dem Team zu erklären, dass es nicht um einzelne Personen geht, sondern vielmehr um die Gesamtsicht auf das Teamgefüge und dessen Stärken. Außerdem ist zu betonen, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt und allein das Darüber-reden schon eine Veränderung erzeugt. Teamsituationen sind immer dynamisch.

Jedes Teammitglied markiert nun auf dem individuellen Vorlagenblatt die Einschätzung auf den vier Achsen.

Warum nicht direkt auf einem gemeinsamen Plakat?

Klar, man würde sich damit Arbeit sparen. Der Nachteil wäre jedoch, dass vorhergehende Einschätzungen die persönliche Sicht der Teilnehmenden beeinflussen (Priming). Jeder soll die Gelegenheit haben, unvoreingenommen eine eigene Sicht der Situation einfließen zu lassen.

4. Zusammenführung und Reflexion

Im Anschluss folgt die Zusammenführung auf einem gemeinsamen Plakat. Es empfiehlt sich, die persönliche Einschätzung transparent zu machen und offen zu diskutieren, wer aus welchem Grund die Skala entsprechend gewählt hat. Wichtige Fragen sind dabei beispielsweise:

  • Welche Extreme gibt es? Ist eine Funktion sehr stark ausgeprägt, eine andere weniger?
  • Wie ist die Streuung der individuellen Einschätzungen? Gibt es etwa Tätigkeiten, die von manchen als sehr stark, von anderen als sehr gering vertreten gesehen werden?
  • Wie lässt sich das Bild im Hinblick auf die Teamhistorie und seine Entwicklung interpretieren?
  • Welche Veränderungen wird es zukünftig geben, die die Ausprägung der Funktionen beeinflussen?

Teamradar Ergebnisbeispiel

In unserem Beispiel zeigt sich eine starke Ausprägung der zielorientierten und individuellen Funktionen, während die analytisch-reflexiven Tätigkeiten als recht gering eingeschätzt werden. Hier lässt sich anknüpfen und erforschen, welche Nachteile sich aus den Erfahrungen des Teams ergeben haben, beispielsweise, dass Retrospektiven vernachlässigt werden, der Ergebnisdruck recht hoch ist und die kontinuierliche Verbesserung außer Acht gelassen wird. Darüber hinaus sollte das Team untersuchen, weshalb die Einschätzungen der gruppenerhaltenden Funktionen derart stark unterschiedlich sind. Vielleicht gibt es unterschiedliche Bedürfnisse in Bezug auf Teamzusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl?

Jedes Team ist einzigartig. Das bedeutet auch, dass die Auswertung nur im gesamten Team sinnvoll ist, da es weniger um die tatsächlichen Ergebnisse geht (diese sind natürlich nicht objektiv), sondern vielmehr um den Prozess, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Wir raten außerdem davon ab, in diesem Fall konkrete Maßnahmen aus der Retrospektive entwickeln zu wollen. Man gelangt dann in ungünstigen Fällen zu Aussagen wie "Anton soll bis nächste Woche offener werden". Häufig sind es bereits die Diskussionen und die Reflexion, die zu Erkenntnissen führen und damit Veränderung herbeiführen, wenn sie zielbringend moderiert werden.

Diese Art der Retrospektive ist für die Scrum Master Rolle sicherlich etwas herausfordernder: Ein Blick auf mögliche Konflikte und schwierige Situationen ist notwendig, außerdem braucht das Team das Gefühl, dass es nicht um eine "Bewertung" geht, sondern um eine offene Auseinandersetzung mit den eigenen Strukturen. 

Los geht's

Hier gibt es Vorlagen für die Durchführung zum Download:

  • Vorlage für Individualeinschätzung zum Ausdrucken (DIN A4)
  • Übersichtsplakat Gruppenfunktionen zum Nachzeichnen oder Ausdrucken (es empfiehlt sich mindestens DIN A3)

Jetzt kostenlos downloaden


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Joris Wachter

Joris Wachter

Joris Wachter ist Agiler Coach und Business Analyst bei der viadee Unternehmensberatung. Sein Fokus liegt auf agiler Teamentwicklung, Anforderungsanalyse und Soft-Skills in IT-Projekten.

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