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Wie GFK Unternehmen auf dem Weg zur Selbstorganisation unterstützen kann

Dienstag, 1.6.2021

Es braucht Mut, im Business-Kontext über Bedürfnisse zu sprechen. Doch es lohnt sich, um echtem Miteinander und Selbstorganisation stetig näher zu kommen!

Dr. Volker Oshege teilt seine Erfahrungen und beschreibt,
wie wir Gewaltfreie Kommunikation (GFK) bei der viadee etablieren.

Wie GFK Unternehmen auf dem Weg zur Selbstorganisation unterstuetzen kann

In diesem Interview erklärt Dr. Volker Oshege, Vorstand der viadee IT-Unternehmensberatung, wie Unternehmen mithilfe von Gewaltfreier Kommunikation (GFK) den Weg in die Selbstorganisation einschlagen können und wie die viadee das tut.

 

Was ist Selbstorganisation und warum treten Unternehmen diesen Weg an?

Unsere heutige Welt ist zu schnell und komplex als dass hierarchische Organisationen darauf adäquate Antworten geben könnten. Ein selbstorganisiert aufgestelltes Unternehmen bietet einen angemessenen Kontext, um in unserer komplexen Welt erfolgreich zu agieren. Denn in einem selbstorganisierten Unternehmen werden die Entscheidungen dort getroffen, wo die entsprechenden Kompetenzen und Informationen liegen.

Nur so können schnelle Reaktionszeiten erzielt werden, da Entscheidungen nicht erst einen aufwendigen Genehmigungsprozess im Unternehmen durchlaufen und dann getroffen werden von Menschen, die wahrscheinlich weniger Fachkenntnis haben und weiter weg sind von den Auswirkungen dieser Entscheidungen.

Die Unternehmensspitze weiß eben nicht alles besser. Mir erschließt sich nicht, warum das so sein sollte! Ich selbst arbeite als studierter Sozialwissenschaftler in einer IT-Unternehmensberatung. Da ich fachfremd bin, kam mir diese Erkenntnis sehr früh.

Für mich als Führungskraft ergibt sich ein weiterer Vorteil: Selbstorganisation nimmt mir eine riesige Last von den Schultern. Denn ich bin nicht das "Bottle Neck" durch das alle Entscheidungen durch müssen.

 

Welche Anforderungen stellt Selbstorganisation an Führende und Mitarbeitende?

Zunächst einmal wird ja durch die Selbstorganisation das Verhältnis von Führenden und Mitarbeitenden auf neue Füße gestellt. Beide begegnen sich auf Augenhöhe. Die Anforderungen speziell an Führende verändern sich dadurch radikal.

Oft bringen zu hohe Ansprüche Probleme mit sich: Anforderungen von Führenden an Mitarbeitende im Rahmen von Selbstorganisation werden nicht erfüllt. Gleichzeitig versteht die Führungskraft nicht, warum Mitarbeitende so handeln wie sie es tun.

Ich kann das gut nachvollziehen. Als Führungskraft, die von Selbstorganisation überzeugt ist, bin auch ich oft erstaunt, wenn die neue Entscheidungsmacht nicht dankend angenommen wird. Dies ist jedoch sehr verständlich.

Dadurch, dass "im Außen" Strukturen und Prozesse wegfallen, gibt es weniger Orientierung "im Innen". Vieles wird von der Organisation auf die Ebene des Teams beziehungsweise des Individuums verlagert.

Doch wo äußere Strukturen sich reduzieren, müssen innere Kompetenzen wachsen. Ansonsten sind viele Leute einfach „lost“. Auf Angst, die sich dadurch einstellt, gibt es drei mögliche Reaktionen: Angriff, Totstellen, Flucht. Keine der drei bringt uns dem Ziel konstruktiv näher. 

 

Wie kann GFK bei diesen Herausforderungen helfen?

Aus meiner Sicht kann Gewaltfreie Kommunikation – abgekürzt "GFK" – in entscheidender Weise dazu beitragen, dass die Transformation zur Selbstorganisation gelingt!

Die GFK hilft bei der Suche nach "dem guten Grund", der hinter all unserem Handeln liegt und häufig nicht sichtbar ist. Sie übersetzt die Handlungen in Bedürfnisse und erzeugt damit ein viel besseres Verständnis füreinander.

Menschen sind „soziale Tiere“, die auf Kooperation und Gemeinschaft setzen. Die GFK hilft uns, diese Grundbedürfnisse leben zu können. Sie ist ein Mittel, um die Reaktionen Angriff, Totstellen, Flucht zu überwinden, vom "Wollen" ins "Können" zu kommen und neue Kompetenzen aufzubauen.

 

Was macht für dich GFK aus?

Um überhaupt zu reflektieren, was von einem in der Selbstorganisation erwartet wird, braucht es die GFK. Viele denken bei dem Begriff logischerweise an die Kommunikation nach außen. Doch das ist nur eine Facette. Durch GFK erhält man sowohl die Fähigkeit zur Selbstempathie – also zur Beantwortung der Frage "Was brauche ich gerade?" – als auch das notwendige Ausdrucksvermögen.

Als ich die GFK-Ausbildung gemacht habe, habe ich sehr schnell festgestellt: Der Fokus liegt auf der "Innenarbeit". Ich habe einen anderen Kontakt zu mir selbst gefunden und ein besseres Verständnis für meine Bedürfnisse und die meines Gegenübers. 

Das hört sich vielleicht abgehoben an, aber keine Sorge, bei der GFK "werfen wir nicht mit Wattebäuschen", wie ein Kollege mal zu mir sagte. Sondern es geht um einen klaren Selbstausdruck, der uns dabei hilft, selbst für uns zu sorgen ohne dabei das Gegenüber zu vergessen.

Die GFK versucht nicht, konfliktträchtige Situationen zu vermeiden oder zu beschönigen. Es geht vielmehr darum, Konflikte auf einer anderen Ebene zu lösen: Der Ebene der Bedürfnisse.

 

Welche Vorteile bringt es für Selbstorganisation, wenn wir über Bedürfnisse reden?

Ein besseres Verständnis für die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse des jeweils anderen ist essentiell für erfolgreiche Selbstorganisation! Damit Selbstorganisation gelingen kann, empfehle ich Führenden, den Fokus auf die Bedürfnisse der handelnden Personen zu legen. 

Ein anschauliches Beispiel dafür sind Konflikte: Denn ein neues organisatorisches Setup mit dem Fokus auf Selbstorganisation braucht neue Spielregeln im Umgang miteinander und eine andere Form der Kommunikation.

In hierarchischen Organisationen braucht es beispielsweise Konfliktfähigkeit nur bedingt: Früher war es völlig egal, was ich zu einem Thema dachte, am Ende hatte die führende Person – durch ihre Position – immer Recht. Konflikte, die auf Augenhöhe durchgeführt wurden, gab es kaum. Dadurch waren auch die Fähigkeiten zum Lösen von Konflikten ganz anders ausgeprägt. 

Wenn Hierarchie wegfällt, treten unterschiedliche Meinungen viel stärker zutage. Wenn man mit diesen konstruktiv umgeht, kann man das Potenzial der Selbstorganisation heben.

Haben zwei Menschen einen Konflikt, stehen nicht die Bedürfnisse einander im Weg. Dieser Punkt ist mir ganz wichtig! Vielmehr sind es die Strategien, die wir wählen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen, die miteinander in Konflikt stehen. Deshalb eröffnet sich ein ganz neuer Möglichkeitsraum, wenn wir über Bedürfnisse und nicht über Strategien reden.

 

Wie sieht es ganz praktisch aus, wenn wir über bedürfnisse statt strategien reden?

Ein prägnantes Alltagsbeispiel ist das Essen. Stellen wir uns vor, zwei Freunde können sich nicht darauf einigen, was sie abends zusammen kochen wollen. Das dahinterliegende Bedürfnis ist bei beiden jedoch nicht primär die Nahrungsaufnahme, sondern, die gegenseitige Verbindung durch gemeinsame Zeit zu stärken.

Ist ihnen bewusst, dass es ihnen um die gemeinsame Zeit geht und nicht um das gemeinsame Kochen, eröffnen sich viele Möglichkeiten bzw. Strategien, um dieses Bedürfnis zu erfüllen.

Zum Beispiel könnten beide zu Hause essen und sich im Anschluss zu einem Spieleabend treffen. Oder sie verabreden sich zur Essenszeit, bestellen oder kochen aber jeweils unterschiedliche Gerichte. 

Wenn also klar ist, was beide brauchen, und nicht an der Strategie "Ein gemeinsames Gericht kochen/essen" festgehalten wird, ergeben sich vielfältige Möglichkeiten. Dadurch entstehen aus einem Konflikt keine faulen Kompromisse sondern Lösungen, die unsere Bedürfnisse wirklich befriedigen.

 

Konflikte konstruktiv zu lösen, war ein antrieb für dich, dich der GFK zuzuwenden, richtig?

Ja, genau. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die immergleichen Konflikte, die ich aus anderen beruflichen Stationen kannte: Diese schnelle Bewertung von anderen anhand der eigenen, meist unbewussten Maßstäbe. Diese Denke, dass ich Menschen sagen kann, wie sie sein sollten. Dieser Kampf darum, wer „Recht hat“. 

Ich wollte aus diesen alten Mustern ausbrechen von „richtig/falsch“, „Wer hat Schuld?“, „Wer hat einen Fehler gemacht?“. 

Das alles war so energieraubend. Das reflektiere ich in dieser Klarheit erst rückwirkend. Damals war es eher die dringende Erkenntnis von „Das will ich nicht mehr!“. Statt immer auf das Problem einzuschlagen, wollte ich den Lösungsraum vergrößern und den konstruktiven Moment von Konflikten entfalten.

In diesem Zuge bin ich auf die GFK aufmerksam geworden, die das Versprechen in sich trug, Dinge anders zu machen.

Das Ausbildungsjahr habe ich im Rahmen der viadee Weiterbildungsmöglichkeiten gemacht.

 

Wie hat die viadee GFK etabliert?

GFK ist eine logische Weiterentwicklung der werteorientierten Ausrichtung, die die viadee seit ihrer Gründung vor über 25 Jahren konsequent verfolgt. Trotzdem hat es lange gedauert, bis ich mich getraut habe. 

An unserem Innovationstag ShipITDay im Jahr 2018 habe ich einen Testballon gestartet. Das war das erste GFK-Seminar, das ich je gegeben habe. Damit war der „Boden bereitet“.

Daraufhin haben mich viele viadeeler:innen angesprochen, die sich für das Thema interessiert haben. Im Rückblick war es nicht verwunderlich, dass meine Bemühungen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Denn bei der viadee war das Fundament für Kooperation und Begegnungen auf Augenhöhe unabhängig vom Status bereits da. Es gehört – wie man so schön Neudeutsch sagen würde – "zu unserer DNA”. 

Erst habe ich den Interessierten externe Trainer:innen empfohlen. Mittlerweile haben wir intern ein eigenes Angebot aufgebaut, das bisher über ein Drittel der viadeeler:innen nutzt.

 

Wie bringt GFK die viadee auf dem Weg zur Selbstorganisation WEiter?

Es ist schwer, die Auswirkungen beziehungsweise Erfolge von GFK quantitativ zu bemessen. Man kann ja schlecht sagen: „65 Prozent unserer Konflikte werden nun viel schneller auf der Basis von Bedürfnissen gelöst.“ 

Gleichzeitig merke ich – und Kolleg:innen berichten es mir auch –, dass Menschen bei der viadee aktiv und erfolgreich versuchen, GFK anzuwenden. Damit räumen wir Konflikte schneller aus dem Weg und unterstützen unsere Unternehmenskultur.

Ich würde sagen, wir sind jetzt ein gutes Stück auf einem noch langen Weg gegangen. Doch Veränderung entsteht nicht über Nacht: Ich weiß es selbst und sehe auch an anderen, dass dieser neue Weg Mut erfordert. Denn man zeigt sich als Mensch, nicht als „Business-Kasper-Hologramm“. 

Was ich und viele viadeeler:innen durch GFK jedoch bereits gelernt und erlebt haben: Es lohnt sich, über Bedürfnisse statt über Strategien zu sprechen. Sie ebnen den Weg zu Kooperation und echtem Miteinander.

 


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Dr. Volker Oshege

Dr. Volker Oshege

Dr. Volker Oshege hat als Berater, Projektmanager und Vertriebsleiter viel Erfahrung beim Aufbau und der Begleitung von klassischen und agilen Projektteams gesammelt. Als Vorstandsmitglied der viadee liegt sein aktueller Schwerpunkt im Aufbau einer möglichst selbstorganisierten (Vertriebs-)Organisation, bei der die Gewaltfreie Kommunikation eine zentrale Rolle spielt.

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